Erarbeitung arbeitswissenschaftlicher Planungsgrundsätze für eine markt- und mitarbeitergerechte Getriebemontage

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Ausgangssituation

Die ZF Friedrichshafen AG stellt am Standort Friedrichshafen Nutzfahrzeug- und Sonder-Antriebstechnik her. Variantenreiche Bus- und LKW-Getriebe werden an vier unterschiedlichen Montagelinien montiert. Veränderte Arbeitsbedingungen und der technische Fortschritt erfordern eine ergonomische Optimierung der Montage-Arbeitsplätze nach arbeitswissenschaftlichen Kriterien. Aufgrund veränderter Montageabläufe und möglicher Taktzeitverkürzungen sind auch psychische Belastungen in die Untersuchungen einzubeziehen.

Vor diesem Hintergrund beauftragten Unternehmensleitung und Betriebsrat das Fraunhofer IAO mit einer arbeitswissenschaftliche Expertise bezüglich zukunftsfähiger Gestaltungsoptionen für Montagesysteme.

Die Beratung war in ein unternehmensinternes Projekt »M3« eingebettet, das auf eine gleichermaßen markt-, montage- und mitarbeitergerechte Prozess- und Arbeitsgestaltung zielt.

Zielsetzung

Zielsetzung des Projekts war die Erarbeitung zukunftsorientierter Planungsgrundsätze für die Montage von schweren LKW- und Bus-Getrieben, bei denen aktuelle arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zu Ergonomie und Qualifikationsanforderungen sowie physischer und psychischer Belastungen zur Anwendung kamen.

Ausgehend von der Ist-Situation wurden in einem gestuften Prozess zunächst die Handlungsbedarfe bezüglich Arbeitsplatzgestaltung, Ergonomie, Gesundheitsschutz und Arbeitsorganisation ermittelt und Nutzenpotenziale einer Neugestaltung aufgezeigt. Diese Ermittlung erfolgte im Rahmen mehrtägiger Vor-Ort-Untersuchungen, Mitarbeiterbefragungen und Fachdiskussionen.

Die Ergebnisse wurden als »Gestaltungsmerkmale/Planungsgrundsätze für die Getriebemontage« ausformuliert, um die Planungsregularien in das Produktionssystem der ZF einzubinden. Die Planungsgrundsätze verbinden bewährte produktionsbezogenen Planungsgrundsätze mit Kriterien menschengerechter Arbeit.

Ergebnisse

Planungsgrundsätze im betrieblichen Umfeld des Unternehmens

Vor der Formulierung der Planungsgrundsätze wurden folgende Rahmenbedingungen von den Betriebsparteien einvernehmlich vereinbart:

  • Planungsgrundsätze unterstützen die Zielerfüllung für geplante Veränderungen vorausschauend.
  • Planungsgrundsätze sind in Rahmen- und Randbedingungen der Unternehmenswelt eingebunden. Wirtschaftliche Möglichkeiten eines Unternehmens können Grenzen bei der Umsetzung von Planungsgrundsätzen ebenso beeinflussen wie bereits vorhandene Regelungen (z.B. Betriebsvereinbarungen).

Ergonomische Planungsgrundsätze für die Getriebemontage

Grundlage für die Formulierung der ergonomischen Planungsgrundsätze waren die folgenden Annahmen:

  • In der manuellen Montage steht der Mensch im Mittelpunkt. Durch den Einsatz seiner Hände, seiner Fingerfertigkeit, seiner Sinnesorgane und seines Erfahrungswissens führt er die verschiedensten Montageschritte aus.
  • Seine körperliche Leistungsfähigkeit und sein gesundheitliches Befinden stehen dabei im direkten Zusammenhang mit der ergonomischen Gestaltung des Arbeitsplatzes und der Arbeitsumgebung.
  • Ergonomisch gestaltete Montagesysteme beugen frühzeitiger Ermüdung und einseitiger Körperbelastung vor. Hierdurch werden arbeitsbedingtem Verschleiß und Leistungsminderung entgegengewirkt. Leistungsgeminderte Beschäftigte können bei ausgewogenen Leistungsanforderungen freizügiger im Montagesystem eingesetzt werden. Dies ist Voraussetzung für eine Rotation der Beschäftigten im Montagesystem.

Auf Grundlage der Untersuchungen wurden für folgende wesentliche Gestaltungsziele Planungsgrundsätze für eine ergonomische Arbeitsgestaltung abgleitet:

  • Reduzierung des Erkrankungsrisikos durch einseitige Körperhaltungen (d. h. Zwangshaltung),
  • Reduzierung von muskulo-skelettalen Fehlbeanspruchungen durch Heben, Tragen und Schieben schwerer Teile,
  • Reduzierung des Unfallrisikos durch Quetschen, Stoßen etc,
  • Vermeidung von Arbeitserschwernissen durch Relativbewegungen von Montageband, Werkstück bzw. Werkzeug.

Arbeitsorganisatorische Planungsgrundsätze

Die Analyse bestehender Arbeitsaufgaben und der Arbeitsorganisation in der Getriebemontage ermöglichte eine Bewertung der psychischen Belastungen sowie der tätigkeitsbezogenen Qualifikationsanforderungen. Auf dieser Grundlage wurden arbeitsorganisatorische Planungsgrundsätze erarbeitet und entlang betriebsspezifischer Szenarien dargestellt.

Die Leitidee bei der Formulierung der Planungsgrundsätze konzentriert sich auf eine präventive Arbeitsgestaltung zur Vermeidung psychischer Fehlbeanspruchung, Dequalifikation und Leistungswandel. Die wesentlichen Gestaltungsziele der arbeitsorganisatorischen Planungsgrundsätze sind hierbei:

  • Anforderungsvielfalt in den Tätigkeiten gewährleisten,
  • Vollständigkeit der Tätigkeit,
  • Rotation über anforderungsverschiedene Tätigkeiten,
  • Qualifikation und Qualifizierung als Voraussetzung für Rotation,
  • Beteiligung der Mitarbeiter.

Das Projekt vermittelte den betrieblichen Akteuren ein integratives Verständnis für eine markt-, montage- und mitarbeitergerechte Prozess- und Arbeitsgestaltung. Dieses grundsätzliche Verständnis konkretisiert sich anhand von spezifischen Planungsgrundsätzen für die Getriebemontage. Das Vorhaben leistet einen Beitrag zur zukunftsfähigen Montage am Standort Friedrichshafen, um die mit dem technischen Wandel, der demographischen Entwicklung und der sich verschärfenden Wettbewerbslage verbundenen Herausforderungen erfolgreich zu meistern.

Teams: Human Factors Engineering, Kompetenzmanagement