Frugale Innovationen

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Wenn Unternehmen Innovationen auf den Markt bringen, sind dies meist Lösungen mit neuen technischen Funktionalitäten oder zusätzlichen Services. Sie gehen implizit – und häufig fälschlicherweise – davon aus, dass Kunden ein stetiges Mehr erwarten. Dabei übersteigt der Leistungsumfang oft die eigentlichen Wünsche vieler Kunden, die für Preisvorteile gern bereit sind, auf Komplexität zu verzichten – sofern dies nicht mit Kompromissen im Hinblick auf die Qualität verbunden ist. Hier setzen frugale Innovationen an.

Inhaltsverzeichnis

Merkmale frugaler Innovationen

Frugale Innovationen haben die Entwicklung einer schlanken, kostengünstigen Lösung zum Ziel, insbesondere durch die Konzentration auf absolut notwendige Funktionen (»Simplifikation«) und die Verwendung bereits existierender und zugekaufter Komponenten. Im Fokus steht eine klar definierte kostensensitive Kundengruppe, auf deren Bedürfnisse (Lebens-/Arbeitsstil) hin die gesamte Lösung zurechtgeschnitten wird. Die Kosten werden nicht nur durch die Reduktion des Leistungsumfangs des Kernprodukts gemindert. Mitunter wird das gesamte Geschäftsmodell überdacht und entsprechend angepasst, beispielsweise über die Lokalisierung der Wertschöpfungskette und die Verkürzung der Distributionswege.

Neben Märkten in Schwellen- und Entwicklungsländern gibt es auch in den Industrienationen eine hohe Nachfrage nach frugalen Lösungen, wie der Erfolg von produzierenden (z.B. IKEA) und Serviceunternehmen (z.B. Motel One) zeigt. Frugale Innovationen können dabei trotz ihres vergleichsweise geringen Preises durchaus profitabel sein – aufgrund der Größe des Markts, den sie adressieren. Viele Unternehmen runden ihr hochpreisiges Sortiment zudem durch frugale Innovationen nach unten ab, um kostensensitive und gegebenenfalls wechselbereite Kunden einzufangen und neue Märkte zu erschließen.

Branchenvielfalt frugaler Lösungen

Frugale Lösungen finden sich heute im Portfolio vieler namhafter Unternehmen unterschiedlichster Branchen. Die folgende Liste stellt eine beispielhafte Übersicht von Branchen (und Unternehmen) dar, die frugale Lösungen anbieten.

  • Automobil (Tata Motors, Dacia, Bosch, Freudenberg)
  • Nutzfahrzeuge (Ausa)
  •  »Weiße Ware« (Bosch-Siemens Hausgeräte)
  • Medizintechnik (Siemens)
  • Möbel (Ikea)
  • Hotelgewerbe (Accor)
  • Messtechnik (Mettler-Toledo, Geomax)

In der Vergangenheit wurden frugale Innovationen vor allem von großen Unternehmen getrieben, da diese bereits über eine weltweite Organisation verfügen, mehr exportieren und sich stärker mit Preisdifferenzierung auseinandersetzen. Zurzeit stößt das Thema vermehrt auch auf Interesse im Mittelstand.

Frugale Strömungen

Frugale Innovationen sind qualitativ vergleichsweise hochwertige Lösungen, deren Leistungsumfang passgenau auf die Bedürfnisse einer bestimmten kostensensitiven Kundengruppe zurechtgeschnitten ist. Dieser gemeinsame Nenner umfasst verschiedene Strömungen bzw. Anwendungsgebiete, die sich teilweise überschneiden.

  • Corporate Frugal beschreibt Innovationsaktivitäten von Unternehmen, die auf die strukturierte Entwicklung reduzierter Lösungen abzielen, oft als Ergänzung zu einem vorhandenen hochpreisigen Portfolio. Durch solche Lösungen kann es Innovationsführern gelingen, ihr Sortiment gegen Wettbewerber aus dem Niedrigpreisbereich abzusichern. Die wichtigste Herausforderung, die es dabei zu bewältigen gilt, ist die klare Abgrenzung zu den eigenen hochpreisigen Lösungen, um positive Kannibalisierungseffekte zu gewährleisten. Die Marke IBIS Budget des Hotelkonzerns Accor ist ein gelungenes Beispiel dieser Frugal-Innovation-Strömung.
  • Eine Jugaad Innovation, auch Grassroot Innovation oder Grassroot Frugal genannt, ist eine improvisierte Lösung, die mit limitierten Ressourcen entwickelt wird. In den Industrienationen finden sich solche Lösungen beispielsweise in der Do-It-Yourself-Bewegung und im sogenannten Maker Movement. Jugaad Innovationen werden vorwiegend von einzelnen oder wenigen Personen getrieben, die Bedarf an kostengünstigen Lösungen sehen und diese selbstständig mit den verfügbaren Mitteln entwickeln. Ein Beispiel hierfür ist der Kühlschrank Mitti Cool,1 der von einem indischen Handwerker entwickelt wurde.
  • Lösungen für emergente Märkte, die für den Vertrieb in entwickelten Ländern angepasst werden, bezeichnet das Phänomen Reverse Innovation. Dies können beispielsweise medizinische Geräte mit reduzierten Funktionalitäten für Ärzte in Schwellenländern sein, die später auch in Arztpraxen der Industrienationen als Zweitgeräte eingesetzt werden. Ein Beispiel hierfür ist der Magnetresonanztomograph Magnetom Essenza® von Siemens.
  • Frugale Innovationen, die in erster Linie auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern abzielen, werden als Inclusive Innovation bezeichnet. Diese Lösungen haben zum Teil mehrere positive Nachhaltigkeitseffekte, indem sie Kunden mit kleinem Budget einen Zugang zu hochwertigen Produkten und Dienstleistungen ermöglichen und oft zugleich ökologisch sinnvoll sind. Die Prothese Jaipur Foot2 ist ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Inclusive Innovation.

Bedeutung frugaler Innovationen

Das Fraunhofer IAO verfolgt das Thema frugale Innovationen bereits seit 2008, lange bevor der Begriff an sich etabliert war. Entsprechende Lösungen wurden damals unter dem Schlagwort Low-Cost bzw. Cost-Focused Innovation wissenschaftlich untersucht und methodisch abgesichert.

In den letzten Jahren ist das Interesse an frugalen Innovationen stark gewachsen, auch durch die zunehmende Bedeutung der Schwellenländer für Innovationsprozesse. Heute gibt es verschiedene wissenschaftliche Konferenzen und Forschungszentren zum Thema Frugal bzw. Inclusive Innovation. Die Global Research Alliance (GRA), die Weltbank und viele Regierungen forcieren Initiativen zum Thema Inclusive Innovation. Zudem bieten Hochschulen Studienreisen und studentische Arbeiten zu frugalen bzw. Jugaad Innovationen an.

Weiterführende Informationen

Zusätzliche Einblicke in das Thema frugale Innovationen und eine Übersicht über den Ansatz und die Unterstützungsangebote des Fraunhofer IAO sind unter http://s.fhg.de/frugal-innovation und in unserem White Paper zum Thema zu finden.

Weitere relevante Publikationen sind u.a. folgende:

  • Navi Radjou, Jaideep Prabhu und Simone Ahuja: Jugaad Innovation
  • Aditi Ramdorai und Cornelius Herstatt: Frugal Innovation in Healthcare - How Targeting Low-Income Markets Leads to Disruptive Innovation
  • Charles Leadbeater: The Frugal Innovator
  • Josep Francesc Valls Giménez: Beyond the Low-Cost Business
  • Vijay Govindarajan und Chris Trimble: Reverse Innovation

Einen guten Überblick über die unterschiedlichen Strömungen und Potenziale frugaler Innovationen bietet der Vortrag Creative problem-solving in the face of extreme limits3 von Navi Radjou.

Einzelnachweise

1Mitti Cool Fridge does not require any electricity or any artificial energy and therefore no recurring cost.

2Bhagwan Mahaveer Viklang Sahayata Samiti (BMVSS) is the world's largest organisation serving the disabled. This NGO provides all its assistance, including artificial limbs, calipers and other aids and appliances totally free of charge. http://jaipurfoot.org/

3Vortrag Creative problem-solving in the face of extreme limits von Navi Radjou https://www.youtube.com/watch?v=cHRZ6OrSvvI