Virtuelle Bemusterung

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Inhaltsverzeichnis

Ausgangssituation

Die Bemusterung im Hausbau verlangt dem Vorstellungsvermögen des Bauherrn bislang einiges ab: Anhand von Mustertafeln und Grundrissen muss er über die endgültige Ausstattung seines neuen Heims entscheiden. Eine kleine Erleichterung können dabei zwar Musterhäuser oder Ausstellungen bieten – allerdings auch nur dann, wenn sie zufällig die für den Bauherrn infrage kommenden Materialien zeigen.

Zielsetzung

Eine Entlastung schafft die vom Fraunhofer IAO gemeinsam mit der Dresdner Firma Softwareparadies entwickelte und vom Land Sachsen und der EU geförderte Virtuelle Bemusterung. Bei dieser kann der Bauherr sein Wohnhaus dank Virtual Reality (VR) bereits in der Planungsphase räumlich und maßstabsgetreu erleben, sich frei darin bewegen und live die Kombination verschiedener Materialien im Haus vergleichen. Auf den Messen Bau 2007 und Bau 2009 in München stießen die Prototypen zur Virtuellen Bemusterung bei zahlreichen Messebesuchern auf große Zustimmung. Im September 2008 führte die Bauunion 1905 GmbH als erster Massivhausanbieter die Virtuelle Bemusterung für ihre Kunden ein und eröffnete das Bauherrenkino im Massivhauspark in Netzen/Brandenburg. Seither wird die Technik für den alltäglichen Einsatz optimiert und ausgebaut.

Projektbeschreibung

Ausgestattet mit 3-D-Brille und Fernbedienung kann der Bauherr bei der Virtuellen Bemusterung von einem bequemen Sofa aus virtuell durch seine Räume wandern und per Klick das Material der Oberflächen verändern. Das exakte virtuelle Abbild des geplanten Hauses wird von einer Stereo-Projektionseinheit auf einem großen Display im Originalmaßstab dargestellt. Eine Menüfläche am Bildschirmrand führt zu unterschiedlichen Materialen, Farben und Verlegearten: mit einem Klick ist der Bodenbelag ausgetauscht oder nicht mehr längs, sondern quer zur Raumausrichtung verlegt. Im unteren Bereich des Auswahlmenüs wird der stets aktualisierte Gesamtpreis angezeigt.

Die fotorealistische und maßstabsgetreue Simulation und das reale Raumempfinden schaffen dabei eine optimale Planungsgrundlage: Der Bauherr hat das Gefühl, nicht vor einer großen Projektionsfläche zu stehen, sondern sich tatsächlich frei durch sein neues Haus zu bewegen. Er erlebt sein künftiges Heim so anmutungsgetreu, als wäre er schon eingezogen – allerdings mit dem entscheidenden Vorteil, beliebig viele Änderungen vornehmen zu können. Fehlentscheidungen und damit verbundene Ärgernisse können so vermieden werden.

Das Einzigartige an der Virtuellen Bemusterung ist jedoch, dass sie dem Kunden Sicherheit in zweifacher Hinsicht bietet: Durch die direkte Schnittstelle zwischen Virtueller Bemusterung und der integrierten Kalkulationssoftware VI 2000 der Firma Softwareparadies GmbH & Co. aus Dresden sieht der Bauherr unmittelbar, wie seine Auswahl den Endpreis beeinflusst. Das gibt ihm größtmögliche Kosten- und Planungssicherheit.

Damit der Bauherr seine Entscheidungen auf der Basis möglichst realistisch dargestellter Materialien trifft, nutzt das Fraunhofer IAO aktuellste Entwicklungen der Echtzeit-Computergraphik und entwickelt diese weiter. Neben der Verfügbarkeit dieser Basistechnologien hängt der erfolgreiche Einsatz in der Praxis jedoch entscheidend davon ab, wie einfach die dahinterliegenden Material-Datenbanken erstellt und gepflegt werden können. So werden im Rahmen der Virtuellen Bemusterung auch Prozesse und Werkzeuge entwickelt, die es dem Bauunternehmen oder Materialhersteller ermöglichen, neue Materialien effizient zu integrieren: Die neue Fliesenkollektion von der Mailänder Messe steht dem Kunden so schon kurze Zeit später für die Simulation des neuen Eigenheims zu Verfügung.

Wirkung und Nutzen

VR ist eine Zukunftstechnologie, die in den nächsten Jahren zunehmend Verbreitung finden wird. Das Projekt Virtuelle Bemusterung zeigt, dass die VR-Technik mittlerweile dem Elfenbeinturm wissenschaftlicher und solitärer industrieller Anwendungen entwachsen und beim Endkunden angekommen ist. Das Competence Center »Virtual Environments« am Fraunhofer IAO unterstützt Unternehmen dabei, die damit verbundenen Potenziale für sich zu nutzen.

Die Virtuelle Bemusterung ist ein wichtiger Baustein im Forschungs- und Entwicklungsthema »Immersive Gebäudeplanung« am Fraunhofer IAO, in dem auch die klassische Architekturvisualisierung mit Virtual Reality angesiedelt ist. Im Gegensatz zur klassischen Architekturvisualisierung zeichnet sich die Virtuelle Bemusterung jedoch dadurch aus, dass hier eine direkte Schnittstelle zwischen der Planungs- und Kalkulationssoftware sowie der VR-Präsentation realisierbar wurde. Daten aus der Planungs- und Kalkulationssoftware können so voll automatisiert an das VR-Programm übergeben werden. Änderungen, die der Bauherr in der Simulation vornimmt, werden wiederum direkt an die Planungssoftware zurückgegeben, prozessiert und erneut in VR dargestellt.

Eine derart gut integrierte Gesamtlösung ist für die gesamte Baubranche im Moment nicht realisierbar, da in der Planung eines klassischen Bauprojekts eine Vielzahl unterschiedlichster Gewerke beteiligt sind und diese individuelle Softwarelösungen für ihre Teilplanungen nutzen.

Bei der Planung von Einfamilienhäusern gibt es hingegen bereits Anbieter, die von der Planung über die Fertigung bis zur Bauausführung alle Daten mit einem Softwarestandard bearbeiten. Mit der Virtuellen Bemusterung hat sich das Fraunhofer IAO daher zunächst diesem Teilbereich der Bauindustrie angenommen, um exemplarisch die Möglichkeiten einer integrierten Planung zu erforschen. Ziel ist es, die Ergebnisse später der ganzen Baubranche zugänglich zu machen, um auch hier die Umsetzung eines einheitlichen Standards voranzutreiben.

Praxisbeispiel: Das Bauherrenkino