Fach- und Projektlaufbahnen

Mit dem Begriff Karriere verbinden die meisten Unternehmen noch immer den vertikalen Aufstieg in Führungslaufbahnen. Dabei ist die hohe fachliche Spezialisierung und (internationale) Projektorientierung vieler Firmen heute nicht mehr ohne Fach- und Projektexperten leistbar. Diese sind für den betrieblichen Erfolg ebenso bedeutsam wie ihre Kollegen aus dem traditionellen Management.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen und der Zunahme flexibler, flacher Strukturen haben einige Unternehmen schon in den 1980er Jahren begonnen, Expertenlaufbahnen einzuführen, die gezielt auf das Gewinnen, Entwickeln und Halten erfahrener Spezialisten und Projektleiter ausgerichtet sind. Erste Impulse fanden sich vor allem in großen Unternehmen und Branchen wie Versicherungen und Banken. In den letzten Jahren haben viele produzierende Unternehmen das Potenzial von horizontalen Laufbahnen für sich entdeckt und auch Mittelständler haben begonnen, entsprechende Lösungen umzusetzen. Abgesehen davon, dass sie auf hohe Fach- und Projektexpertise angewiesen sind, ist das Thema bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) aus Personalsicht relevant. Im Kampf um Talente kann es sich der Mittelstand nicht leisten, Mitarbeitern keine guten Karriereperspektiven zu bieten.

Typische Laufbahnstrukturen in Unternehmen

Die Führungslaufbahn ist noch immer die vorherrschende Laufbahn in vielen Unternehmen. Diese Laufbahn ist gekennzeichnet durch einen hierarchischen Aufstieg und eine damit verbundene zunehmende Führungsverantwortung und Weisungsbefugnis.

Die Fachlaufbahn bezeichnet die Kompetenzlaufbahn für hochqualifizierte Spezialisten. Sie ist insbesondere für F&E-intensive Unternehmen unerlässlich, um gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Zeiten des Fachkräftemangels zu halten und zu entwickeln. Fachexperten sind dafür zuständig,

  • über eine gute externe Vernetzung neues Fachwissen zu speziellen Themen ins Unternehmen zu holen,
  • dieses dort über geeignete Medien wie Technologie-Wikis, Vorträge sowie die konkrete Unterstützung in Projekten zu verbreiten,
  • die Geschäftsleitung in strategischen Fragen aus Sicht ihres Kompetenzfelds zu beraten,
  • sich mit den anderen Experten im Unternehmen auszutauschen
  • und die Fachkompetenz des Unternehmens im Außenraum darzustellen, beispielsweise auf Konferenzen und bei Kundenbesuchen.

Die Projektlaufbahn bietet die Möglichkeit, Mitarbeitende gezielt für projektbezogene Aufgaben zu qualifizieren und ihnen eine angemessene Anerkennung für besondere Leistungen zu bieten, etwa bei der Abwicklung hochkomplexer, internationaler Projekte. Sie schließt fachliche Führungsaufgaben mit ein und ist somit zwischen der Führungs- und der Fachlaufbahn angesiedelt. Bei der Projektlaufbahn ist es wichtig, Kriterien für die Klassifizierung von Projekten festzulegen, die eine Zuordnung zu den verschiedenen Expertise-Stufen der Laufbahn ermöglichen.

Fach- und Projektexperten werden üblicherweise über spezielle Weiterbildungsprogramme auf ihre Aufgabe vorbereitet, die auch Formate wie Mentoring einschließen können. Sie erhalten außerdem eine besondere Unterstützung für ihre Tätigkeit, beispielsweise in Form von Budgets für den Erwerb von Fachliteratur oder die Teilnahme an relevanten Fachveranstaltungen. Intern werden Experten oft über Profile im Intranet und das Organigramm bekannt gemacht. Für den Außenraum sind insbesondere Visitenkarten mit den entsprechenden Titeln bedeutsam.

Vielfalt der Begrifflichkeiten

Im Bereich der Fach- und Projektlaufbahnen gibt es keine einheitlichen Bezeichnungen. Manche Unternehmen (und Wissenschaftler) nutzen den Begriff »Fachlaufbahnen« für alle Alternativen zur Führungslaufbahn, manche nur für Karrierepfade von Fachexperten. Letztere werden zum Teil auch als Spezialisten bezeichnet und ihre Laufbahn entsprechend »Spezialistenlaufbahn«. Einigen Unternehmen dient die Abgrenzung zwischen »Fachexperte« und »Spezialist« wiederum dazu, Mitarbeiter mit besonderer Expertise (und der entsprechenden Laufbahn) vom Rest der Belegschaft abzugrenzen, die ebenfalls spezielles Fachwissen zu bestimmten Themen hat.

Auch die Stufen innerhalb von Laufbahnen sind nicht einheitlich geregelt. Unternehmen legen hier meist Begriffe fest, die zu ihrem Jargon und ihrer Kultur passen und sich auch bei anderen Firmen wiederfinden. Welchen Status der »Senior Expert« eines Unternehmens im Vergleich zum »Junior-Spezialisten« eines anderen hat, lässt sich damit nicht sagen. Im Bereich der Projektlaufbahnen bieten immerhin die verschiedenen Zertifizierungen eine Orientierung, auch wenn die Vielfalt der Positionsbezeichnungen fast ebenso groß ist.

Fach- und Projektlaufbahnen in der Praxis

Wie oben beschrieben, finden sich viele Fach- und Projektlaufbahnen im Bereich von Dienstleistern wie Banken oder Versicherungen. Auch viele IT-Unternehmen wie IBM haben bereits seit Langem horizontale Laufbahnen. In den letzten Jahren haben vermehrt produzierende Unternehmen wie Salzgitter Flachstahl, Phoenix Contact und Sick nachgezogen. Ein kreatives Beispiel für alternative Laufbahnen bietet die Ideenschmiede IDEO.

Erfolgsfaktoren von Fach- und Projektlaufbahnen

Beim Aufbau von Alternativen zur Führungslaufbahn müssen verschiedenste Faktoren berücksichtigt werden, die sich auf die Ausgestaltung, die Umsetzung und den Betrieb des Karrieresystems auswirken. So setzt die vorhandene Führungslaufbahn die Standards, an denen sich die neuen Karrierepfade orientieren müssen. Es gilt außerdem, die Wünsche und Ideen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu berücksichtigen, die bereits vor der Einführung der Laufbahnen informell als Experten aktiv sind. Nicht zuletzt müssen die Führungskräfte unbedingt in die Gestaltung des Karrieresystems miteinbezogen werden, da diese oft ein neues Rollenverständnis entwickeln müssen.

Weiterführende Informationen

  • Weitere Details zu Fach- und Projektlaufbahnen sowie eine Übersicht über den Ansatz und die Unterstützungsangebote des Fraunhofer IAO bietet unsere Webseite: http://www.rdm.iao.fraunhofer.de/