Fachkräftemangel und Know-how-Sicherung in der IT-Wirtschaft

Fachkräftemangel und Know-how Sicherung in der IT-WirtschafteDie vorliegende Studie zielt darauf ab, das Bewusstsein für Herausforderungen im Umgang mit Wissen zu schärfen und personalwirtschaftliche Lösungsansätze aufzuzeigen, wie Unternehmen heute und in Zukunft dem Wissens- und Fachkräftemangel entgegen wirken. Dabei unterstützen die Studienergebnisse die These, dass der Mangel bzw. der Verlust von qualifizierten Fachkräften am Wissens- und Know-how-Fundament von IT-Unternehmen nagt, was letztlich die ökonomische Basis der Betriebe bedroht.

Aktuell jedoch ist die wirtschaftliche Lage der befragten IT-Unternehmen sehr gut. So geben über 70 Prozent der befragten Unternehmen an, dass sich die Erlössituation im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2008 verbessert hat. Dies spielgelt sich auch in einer höheren Beschäftigung wider. In über 76 Prozent der Unternehmen arbeiten heute mehr Menschen als im Jahr 2008. Zudem zeigt sich, dass die IT-Unternehmen auf ihrem Weg zur Internationalisierung weit fortgeschritten sind. Bedenkt man, dass die Mehrzahl der IT-Unternehmen dem Bereich von klein- und mittelständischen Betrieben zugerechnet werden muss, überrascht die Aussage, dass nahezu 60 Prozent der befragten Unternehmen angeben, außerhalb des deutschen Marktes tätig zu sein.

Die gute wirtschaftliche Lage der Unternehmen korrespondiert mit einem hohen Bedarf an qualifizierten Fachkräften. Gesucht werden vor allem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in der Lage sind, technische Probleme analytisch zu durchdringen und die zugleich in kundenspezifischen Problemlösungen denken und handeln. Besonders in den Bereichen IT-Support, der Administration komplexer IT-Systeme und der Software-Beratung wird händeringend nach qualifiziertem Personal gesucht. Auch Vertriebsspezialisten für IT-Komponenten und Softwaresysteme sind stark gefragt.

Eine Einflussgröße für das Problem des Fachkräftemangels und die Sicherung des strategischen Erfahrungswissens stellt die Unternehmensgröße dar. Während Großkonzerne vor allem Schwierigkeiten haben, Top-Schlüsselfunktionen zu besetzen, sind die eigentlichen Leidtragenden des Fachkräftemangels mittelständisch geprägte Unternehmen, die weder die Sicherheiten von Großunternehmen, noch den Flair von hochinnovativen Start-up-Unternehmen verbreiten können. Es sind aber diese Unternehmen, die das Rückgrat der deutschen ITWirtschaft bilden.

Neben einem Mangel an Hochschulabsolventen gefährdet auch der demografische Wandel mittelfristig die Wissenssubstanz der Unternehmen. Eine sich verändernde Altersstruktur zeigt sich auch bei den befragten Unternehmen. Während der Altersdurchschnitt der Belegschaften heute bei 36-40 Jahren liegt, erwarten die Unternehmen, dass das Durchschnittsalter in zehn Jahren auf 41-45 Jahre steigt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Anteil älterer Beschäftigter überproportional steigen wird.

Ursachen für den Wissens- und Kompetenzverlust sind aber nicht allein im demografischen Wandel zu suchen. Vielmehr zeigen die Ergebnisse dieser Studie, dass die Unternehmen massiv unter Know-how-Abflüssen leiden, die durch ein vorzeitiges und vielfach ungeplantes Ausscheiden der Mitarbeiter ausgelöst werden. So erwarten 64 Prozent der Unternehmen, dass Wissen und Kompetenzen künftig verloren gehen, weil Mitarbeiter aus Karrieregründen den Arbeitsplatz wechseln bzw. das Unternehmen verlassen. Einen stärkeren altersbedingten Abfluss relevanten Wissens erwarten 42 Prozent der Befragten.

Noch wichtiger als der Erhalt bestehenden Wissens wird der Aufbau neuen Wissens in den Unternehmen bewertet. 77 Prozent der Unternehmen geben an, dass der Handlungsdruck zum Kompetenz- und Wissensaufbau hoch oder sehr hoch ist. Darin spiegeln sich die schnellen Innovationszyklen der ITWirtschaft wider, welche die Unternehmen zwingen, innerhalb kürzester Zeit Qualifikationen und Kompetenzen für die Beherrschung neuer Technologien verfügbar zu machen.

Fast schon Besorgnis erregend ist, wie die befragten Unternehmen die Auswirkungen des Wissens- und Kompetenzverlustes bewerten. So geben 45 Prozent der Befragten an, dass fehlendes Wissen bzw. fehlende Fachkräfte schon heute zu einer Überlastung des bestehenden Personals führen. Für die künftige Einschätzung steigen diese Werte noch einmal an. Zudem bestätigen 26 Prozent der Unternehmen, dass Aufträge heute nicht angenommen werden können, weil die notwendige Fachexpertise im Haus nicht verfügbar ist. Für die Zukunft erwarten dies sogar 36 Prozent der Befragten.

Im Durchschnitt verlieren die Unternehmen 8,5 Prozent ihres Umsatzes, weil sie aufgrund des Mangels an qualifiziertem Personal Aufträge nicht realisieren können, wobei die Varianz beim Antwortverhalten erheblich ist. Einige Unternehmen geben an, bis zu 30 Prozent und mehr Umsatz einzubüßen, weil Aufträge nicht angenommen werden können. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich bei der deutschen IT-Wirtschaft um einen Markt handelt, der im Jahr 2011 ca. 145 Milliarden Euro umgesetzt hat, wird deutlich, dass es sich nicht nur um ein betriebswirtschaftliches, sondern auch um ein volkswirtschaftliches Problem handelt.

Angesichts dieser Herausforderungen stellt sich die Frage, in welcher Weise die Unternehmen bereits heute dem Wissens- und Kompetenzverlust entgegen wirken können und welche Instrumente und Maßnahmen sie zukünftig benötigen werden. Dabei zeigt sich, dass erst in knapp jedem zweiten Unternehmen heute schon Maßnahmen zum Kompetenzerhalt eingesetzt werden. Damit ist die IT-Branche aktuell noch nicht umfassend auf die sich abzeichnenden Veränderungen der Altersstruktur und die Folgen im Hinblick auf Wissens- und Kompetenzverlust vorbereitet.

Betrachtet man die Maßnahmen genauer, die heute schon genutzt werden, ist zu erkennen, dass dem informellen Wissensaustausch und der Schaffung einer förderlichen Unternehmenskultur heute und zukünftig das größte Potenzial beim Erhalt von Wissen und Kompetenzen zugeschrieben wird. Bei den Maßnahmen, denen eine mittlere Wichtigkeit zugesprochen wird, sind insbesondere umfassende strategische Maßnahmen wie Kompetenz- und Talent- Management interessant, die für die Zukunft hohe Wachstumsraten verzeichnen. Im Gegensatz zu den informellen Instrumenten bedarf die Einführung und Nutzung solcher strategischer Ansätze eine fundierte Planung und Umsetzung innerhalb der Unternehmen, für die sicherlich ein großer Unterstützungsbedarf entstehen wird. Sehr selten werden bislang systematische Altersstrukturanalysen in den Unternehmen genutzt. Da dieses Instrument auch für die Zukunft keine große Bedeutung für die Unternehmen zu haben scheint, stellt sich gleichwohl die Frage, woher die Unternehmen transparente und verlässliche Daten für die Planung weiterer Maßnahmen bekommen werden.

Insgesamt erwarten die befragten Unternehmen allerdings einen deutlichen Zuwachs an der Nutzung von Instrumenten und Maßnahmen. Daher scheinen, trotz einer ungenauen Datenlage, den Unternehmen prinzipiell die Herausforderungen klar zu sein. Dies entspricht auch den aktuellen Planungen zur Einführung von neuen Instrumenten: 36 Prozent der befragten Unternehmen planen bereits heute weitere Maßnahmen zum Wissens- und Kompetenzerhalt. Zwei Drittel der geplanten Maßnahmen zielen auf die Einführung technischer Instrumente, wie z. B. neue Wissensdatenbanken oder Wikis, Sharepoint Lösungen oder Web 2.0 Lösungen. Auch strategische und organisatorische Maßnahmen sind von den Unternehmen in Planung, wie z. B. die Einführung von Talentmanagement und neuen Nachfolgeplanungen oder die Schaffung von neuen altersgemischten Arbeitsstrukturen. Bei mitarbeiterbezogene Maßnahmen sind in den Unternehmen z. B. Maßnahmen zur Schaffung einer offenen Wissenskultur geplant, verbesserte Personalentwicklungskonzepte und die Einführung von Methoden zur individuellen Förderung bei der Weitergabe von Wissen.

Das Bewusstsein für den Handlungsbedarf bei der Sicherung von Wissen und Kompetenzen schlägt sich auch in einer bemerkenswerten Budget-Planung der Unternehmen nieder: Insgesamt 87 Prozent geben an, dass sie innerhalb der nächsten fünf Jahre ihr Budget für Wissens- und Kompetenzsicherung um bis zu fünf Prozent oder sogar mehr erhöhen wollen. Lediglich ein Prozent der befragten Unternehmen will das Budget zurückschrauben.

Die Ergebnisse dieser Studie beschreiben große Herausforderungen der ITWirtschaft bei der Sicherung von Wissen und Kompetenzen in den Unternehmen. Die Problemlage ist offensichtlich erkannt, jedoch setzen aktuell noch zu wenige Unternehmen geeignete Ansätze, Maßnahmen und Instrumente ein , um die anstehenden Herausforderungen bewältigen zu können. Für die nächsten Jahre planen jedoch viele Unternehmen den weiteren Ausbau von Maßnahmen und werden dafür sowohl finanzielle wie auch personelle Ressourcen für die Auswahl, Einführung und Umsetzung neuer Maßnahmen einsetzen müssen.

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